An die Wand gesprüht
Tellerhandschrift. Douce Steiner
... ich unbedingt einmal nach Sulzburg zu Douce Steiner reisen wollte.
Viele Blicke in ihr Kochbuch „Rezepte fürs Leben“ und Berichte in Medien.
Die Tellerhandschrift von Douce Steiner hat mich überzeugt. Die Frau mit ihrer starken Persönlichkeit ebenfalls. So klar und bodenständig wie Speisen und Präsentation ist auch die Köchin. Präsent bei den Gästen während des Menüs. Unaufdringlich und freundlich. Den Gästen gleichermaßen zugewandt wie den Kreationen aus ihrer Küche. Das habe ich auf diese Weise noch nie erlebt.
Ein nicht alltägliches Unikat
Der Besuch in einem Sternerestaurant ist für mich immer wieder aufs Neue ein Glanzlicht. Ein zuverlässiger Rückzugsort aus dem Alltag und zugleich Quelle der Inspiration. Etwas Besonderes und ein individuelles Erlebnis: ein Unikat. Es geht nicht allein ums Essen, vieles spielt eine Rolle. Es geht um den Eintritt in ein einzigartiges Universum. Wir erlebten in Sulzburg den sehr ungekünstelten, unverwechselbaren Kochstil von Douce Steiner und durften sie als Gastgeberin kennenlernen, die während des Abends immer wieder bei den Gästen präsent war. Im „Hirschen“ in Sulzburg verbrachten wir einen unvergesslichen Abend mit sehr persönlichen Eindrücken von den Gastgebern!
Das Betreten eines Restaurants ist für mich jedes Mal aufregend, besonders wenn ich die Räumlichkeiten noch nicht kenne. Ich bin erwartungsfroh und lasse mich unvoreingenommen und offen auf Ambiente und Ausstrahlung ein. Im besten Falle haben sie Charisma und Persönlichkeit. In wenigen Augenblicken entscheidet sich, ob ich mich bereits lange vor den kulinarischen Eindrücken wohlfühle. Ab diesem magischen Eintrittsmoment baut sich in mir Spannung auf, und ich beginne, mich vorbehaltlos auf das Menü zu freuen. Das Geschenk offenbart sich nicht erst, wenn die Küche Grüße schickt ❤️! Das Versprechen auf einen schönen Abend in Räumen, die Wohlempfinden verströmen, ist an sich schon ein Geschenk, bevor vorzügliches Essen seine eigenständige Sprache spricht!
Nur ein paar Stufen
Im Haus der Familie Steiner habe ich sofort das Gefühl, an einem einzigartigen Ort zu sein. Dezent und ruhig reiht es sich in die Häuserzeile ein, die entlang der Hauptstraße durch das verträumte Städtchen führt. Schon als Kind haben mich Häuser beeindruckt, deren Eingangstreppe von beiden Seiten zum Hauseingang führt. In diesem Falle, wie aus dem Bilderbuch entsprungen, von schmiedeeisernem Geländer gesäumt und von sommerlicher Blühpracht geschmückt. Die schwere Eingangstür steht einladend offen. Ich fühle mich bestens aufgenommen und freue mich auf das, was kommt.
Die Gasträume vermitteln gediegene Ruhe und das Gefühl, das in ihnen schon viel Schönes erlebt wurde. Eine Aura, die wohltuend verlässlich strahlt und hell, sanft und inspirierend wirkt. Das Ambiente wurde im Laufe der Jahre respektvoll und mit behutsamer Hand in die Gegenwart geleitet. Die Holzvertäfelungen in den alten Räumen haben überdauert, strahlen jetzt hell, dazu in reinem Weiß die Wände und die schlichten Schals an den Fenstern. Makellos eingedeckte Tische. Eine erfrischende Leichtigkeit, die keineswegs „clean“ wirkt, sondern lebendig. Dafür sorgen viel Holz, dicke Orientteppiche in tiefen, ruhigen Farben. Samtbezüge in „Aubergine“ auf den Stühlen und Kissen in „Frühlingsgrün“, alles perfekt angepasst, einer fröhlich-ruhigen Farbskala folgend. Lebensfroh stimmt auch die erlesene Kunst entlang der Wände beim Betrachten.
Leuchtende Farben mit zurückhaltender Eleganz
Auf den Tischen setzen Geschirr und Gläser zurückhaltende Akzente, werden begleitet von Elementen aus leuchtendem Glas, wie zum Beispiel einem azurblauen schnörkellos designten Schälchen, das gesalzene Butter präsentiert. Auch hier der Stil erlesen mit dem entscheidenden Etwas: der Mischung aus Eleganz und Schlichtheit. Der Blumenschmuck könnte aus einem Bauerngarten stammen, wurde jedoch von gekonnter Hand arrangiert. Der alte Laubbaum vor den Fenstern verspricht wohltuende Abgeschiedenheit. Stets wünscht man sich eine herzliche Begrüßung. Im „Hirschen“ erlebt man sie, professionell und doch so zugewandt, dass man sich angekommen und wohl fühlt.
Ein kulinarisches Kaleidoskop
Obwohl ich meine Eindrücke eines Restaurantbesuchs nicht ausdrücklich als Restaurantkritik und akribische Darstellung des Menüs anlege, soll Wesentliches erwähnt sein. Es erwarten uns „Confierter Lachs und Wachtelbrust mit Fichtensprossen und Zitronen-Jus“, „Bretonischer Hummer mit Kapuzinerkresse, mariniert in Holunder, Pfefferbeeren und Melisse“, „Steinbutt auf Karotten-Ingwer-Essenz mit eingelegter Aprikose“, „Seezunge mit Taschenkrebstatar und Sauerampfer“, „Bisonfilet mit Gänseleber und Pilz-Essenz“, sowie ein sehr ungewöhnliches Dessert aus heimischen Zwetschgen und subtil eingesetztem Bohnenkraut („Sarriette"). Ich habe nicht alles erwähnt, denn der Leser soll nicht ermüden. Erlebt man selbst das Menü in seiner gekonnt aneinandergereihten Folge, erfreuen sich alle Sinne gleichzeitig. Man möchte die Kunstwerke auf den Tellern nicht zerstören und wird keineswegs ermüdet, sondern berauscht von viel Liebe zum Produkt und einer bodenständigen und doch sehr anspruchsvollen Kochkunst.
Küchenkunst – auch fürs Auge
Ein umwerfendes Gefühlsfeuerwerk wird in mir entfacht. Die Teller von Douce Steiner sind keine gedrechselten Kunstwerke. Kein Schnickschnack! Die sanfte und unaufgeregte Anrichteweise mutet an, wie mit leichtem, sicherem Pinselstrich aufgetragen. Naturnahe Stillleben werden von jeglichem Zierrat verschont, der von den erstklassigen Produkten auf dem Teller ablenken würde. Schlicht und klar, nicht ziseliert die Linienführung. Akkuratesse, Genauigkeit, unverkrampft, nicht überpointiert. Douce Steiner ist der Auffassung, dass Deko auf dem Teller Sinn ergeben muss. Sie dürfe keinem Selbstzweck dienen. Sich solch ehrlicher Schlichtheit zu verschreiben, setzt aus meiner Sicht Mut voraus. Nichts lenkt von der Kochkunst und dem Zusammenspiel weniger Zutaten ab. Perfekt aufeinander abgestimmt dürfen sie ein Eigenleben entfalten und sich gegenseitig unterstützen. Es entsteht eine Sinfonie, die in mir Bewunderung, beinahe Ungläubigkeit hervorruft. Alles ist perfekt, denn Küchenhandschrift, Präsentation und Ambiente verschmelzen zu einer Einheit. Wir werden vorzüglich bekocht und zuvorkommend verwöhnt. Ich wünsche mir, dass die Stunden nicht vorbeigehen.
Vom Wasser zum Milchreis
Wie sie das wohl schafft? Perfekte Teller zu zaubern, und dazu noch die Gäste an den Tischen durch den Abend zu begleiten. Immer wieder ist sie im Gastraum präsent. Unterhält sich freundlich und zugewandt, ohne in Small Talk zu verfallen. Eine grazile, sportliche Gestalt in tadellos weißer Kochjacke. Akkurater Kurzhaarschnitt. Freundlich ihre Ansprache und ebenso ihre Stimme, die eine klar geordnete Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Sie sagt, dass sie im Kopf schon schmeckt, wie eine Speise sein wird, dass sie ihre Menüs mit den Jahreszeiten plant, und dass sie die besten Ideen beim Schwimmen hat. Während sie ihre täglichen Bahnen zieht und der Kopf frei wird, falle ihr auch lange nicht mehr Gegessenes ein, wie „Milchreis“. Der wandert dann auf die Karte.
Freiräume am Herd und im Kopf
Seit 1998 erkochen sie im „Hirschen“ Sterne. Zunächst der Vater Hans-Paul Steiner. Später führt Tochter Douce den Betrieb mit ihrem Mann Udo Weiler weiter, anfangs noch gemeinsam mit dem Vater. Sie erkochen sich bis heute zwei Sterne. Es erstaunt mich, dass man sich als Ehepaar auch dann bestens versteht, wenn man täglich nebeneinander in der Küche arbeitet und beständig auf höchstem Niveau und mit viel Disziplin agiert. Wenn man die beiden ruhigen und angenehmen Menschen in ihrer hellen Küche nebeneinander hantieren sieht, erfasst man unmittelbar, dass sich hier zwei gefunden haben, die sich perfekt ergänzen und in dem, was sie tun, miteinander harmonieren. Ich frage sie dennoch, wie denn so etwas möglich ist, wo doch so viele an einer solchen Herausforderung gescheitert sind. Douce Steiner sagt, es sei ihr wichtig, jedem den Freiraum zu geben, den er braucht. Das bezieht sie auf die Familie und das gesamte Team, weil das Ausgleichen von gegenseitigen Schwächen und Stärken entscheidendes Element sei. Der Name „Douce“ kommt von der französischen Mutter. Douce bedeutet „zart“ und „freundlich“, und ich denke, dass die Mutter wohl vorausgesehen hat, wie die Tochter einmal sein würde: „Nomen est omen“. Eine Spitzenköchin mit behutsam führender Hand.
Als ich mich am nächsten Morgen mit ihr am winzigen Empfangstresen unterhalte, hört man das Klappern aus der Küche im Hintergrund. Ruhige Stimmen, eine wohltuende Atmosphäre. Nebenan sitzt der Vater in einem ehemaligen Gastraum, jetzt wohl eine Art „Gute Stube“, und liest Zeitung. Zum Abschied gesellt er sich zu uns. Das Kennenlernen des alten Herrn berührt mich. Sein Können als Spitzenkoch kenne ich lange schon aus seinem Kochbuch „Kochen macht glücklich“, von dem ich ein von ihm handsigniertes Exemplar besitze. Ihm nun persönlich gegenüberzustehen, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich denke, der Buchtitel muss wohl sein Leitspruch gewesen sein, denn er hat in Bezug auf seine Person offensichtlich gewirkt.
„Gute Reise“ wünscht er uns, steht von der gemütlichen Eckbank auf und reicht uns die Hand. Wir plaudern noch ein wenig, dann nimmt in der Küche die Arbeit für das Mittagsgeschäft Fahrt auf. Der alte Herr widmet sich wieder seiner Zeitung. Wir machen uns auf den Weg, und ich nehme viele Gedanken mit auf die Reise. Ich fragte Douce Steiner, wie man sich als mit zwei Sternen ausgezeichnete Spitzenköchin fühlt. Als eine Frau, die das von Vater und Mutter Aufgebaute übernommen hat und weiterführt. Sie antwortet einfach: „Ich bin, wie ich bin. Ich bin die Douce“. Und Douce Steiner ist nicht nur Sterneköchin, Unternehmerin und Tochter. Sie ist auch Mutter und hat selbst eine Tochter. Für Justine hat sie das Buch „Rezepte fürs Leben“ geschrieben. Ein sehr persönliches Buch, das sie mit dem Satz beendet:
„Ich bin ganz glücklich.“